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Digitalisierung in der Zahnmedizin

Ausgabe 5-6/2022

52_IM BLICK ZBW_5-6/2022

52_IM BLICK ZBW_5-6/2022 www.zahnaerzteblatt.de Karlsruher Vortrag 2022 mit Prof. Dr. Michael Braungart INTELLIGENTE VERSCHWENDUNG Abfall im herkömmlichen Sinne würde es gar nicht mehr geben, würde das Prinzip „Cradle-to- Cradle“ vollständig umgesetzt. Zusammen mit dem US-amerikanischen Architekten William McDonough hat es der deutsche Chemiker Prof. Dr. Michael Braungart entwickelt. Der Gedanke dahinter: Eine nachhaltige Geschäftsstrategie, die den regenerativen Kreislauf der Natur nachahmt, in dem sich Abfälle entweder selbst abbauen oder vollständig wiederverwendet werden können. Der diesjährige Redner des Karlsruher Vortrags „Mund auf“ der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe beeindruckte durch klare und auch kostbare Wahrheiten. » Leider ist unsere Moral immer gerade dann weg, wenn wir sie am meisten brauchen. (...) Menschen können sich nicht moralisch verhalten, wenn sie sich unsicher fühlen« Prof. Dr. Michael Braungart Neues Konzept des Produktdesigns. Professor Dr. Michael Braungart ist Professor an der Leuphana Universität Lüneburg. Zudem ist er Gründer von EPEA Internationale Umweltforschung in Hamburg, der Wiege von Cradle-to-Cradle. Foto: Cornelia Schwarz/IZZ Braungart ist ein Querdenker und das im besten Sinne, das dieses Wort jemals erfahren hat. Seine Idee nennt er Cradleto-Cradle - von der Wiege zur Wiege. Dabei konzipierte er Produkte, die am Ende ihrer Nutzung vollständig wiederverwertet werden können, quasi „Abfall als Nahrung für Neuware“. Nicht nur mit seinem Erscheinen, auch mit seinen Worten gelang es dem Chemiker beim diesjährigen Karlsruher Vortrag „Mund auf“, sein Auditorium zu inspirieren. Nahezu jedes Wort seines Vortrags saß punktgenau und traf die Zuhörerschaft mitten in die Seele - und auch ins Gewissen. AKTIONISMUS Zahlreiche Entwicklungen und Aktionen, mit denen wir meinen, uns umweltpolitisch oder gar ethisch korrekt zu verhalten, outete Prof. Braungart als puren Aktionismus. Seine Erklärungen darauf folgten umgehend und belegten seine Überzeugungen: „Nachhaltigkeit macht die falschen Dinge perfekt“, erklärte der Professor, der unter anderem Verfahrenstechnik an der Europa-Universität in Lüneburg lehrt, wo er auch als Direktor tätig ist. „Wir schützen die Umwelt nicht, indem wir weniger Müll generieren“. Seine Ansicht nach erziele man auch keinen Erfolg damit, Plastikflaschen um zwei Gramm leichter zu machen oder aus weichmacherhaltigem PVC recycelte Produkte herzustellen. „Dieselben Dinge zu optimieren, um sie weniger schädlich oder leichter zu machen, hat den Effekt, dass man die falschen Dinge perfekt macht und damit sind sie perfekt falsch.“ Da saß man nun und schaut den eigenen Grundsätzen zu, wie sie, ähnlich eines Kartenhauses, in sich zusammenfielen. Wir schützen die Umwelt seinen Worten zufolge nicht, indem wir nur noch mit dem Fahrrad fahren und das Auto stehen lassen. Auch nicht, wenn wir weniger Champagner tränken und aufs Austernessen verzichten würden. Dies sei kein Schutz, erklärt Prof. Braungart in einem seiner ersten Sätze, dies sei nur ein bisschen weniger Zerstörung. „Sie schützen ihr Kind ja auch nicht weniger, wenn sie es nur fünf Mal schlagen, anstatt zehn Mal.“ Fazit: Wir brauchen nicht mehr Nachhaltigkeit, sondern einen vollständigen Paradigmenwechsel.

ZBW_5-6/2022 www.zahnaerzteblatt.de 53_IM BLICK Nachhaltig. PD Dr. Daniel Hellmann, Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, die seit 40 Jahren Gastgeber für den Vortrag „Mund auf“ ist und damit ganz bewusst Stellung bezieht. EFFEKTIVITÄT Vor allem anderen müsse man sich die Frage stellen, „Was ist richtig?“. Und dabei geht es laut Prof. Braungart nicht um Effizienz, sondern einzig um Effektivität. Nicht die Klimaneutralität sei demzufolge das Ziel, denn dieses könnten wir Menschen nur erreichen, wenn wir gar nicht existierten. Auch das vielfach anvisierte 1,5-Grad-Ziel bedeutet für ihn lediglich, dass unser Planet zwei Generationen später zugrunde geht. Eine wirklich miese Bilanz - ließe er es dabei bewenden. Doch Prof. Braungart hat Ansätze. HILFLOSIGKEIT Der These, wir seien zu viele Menschen auf der Welt, setzt er den Vergleich der Ameisen entgegen: Deren Biomasse, so der Wissenschaftler, sei in etwa viermal so groß wie die aller Menschen. Ein Umweltproblem haben die Ameisenstaaten jedoch nicht. Wir Menschen hingegen, seien „nicht gescheit genug, denn eigentlich wissen wir doch wie es geht“. Und so behauptet Braungart unser Ökologismus sei ebenso wenig ökologisch, wie der Sozialismus in der DDR sozial gewesen sei. Wir haben 52 verschiedene Plastiksorten, von denen ein Großteil nicht recycelt werden kann, dennoch rühmen wir uns dafür. Maßnahmen, die nichts brächten, sondern lediglich aus Beeindruckt. Dr. Torsten Tomppert, Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, freute sich, dass sich bereits der erste Karlsruher Vortrag vor 40 Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst hat. der Hilflosigkeit heraus geboren wurden, um die Menschen und wahrscheinlich auch deren Gewissen zu beruhigen. Echte Innovation kann nicht nachhaltig sein, sonst wäre sie keine Innovation, erklärte Prof. Braungart seiner Zuhörerschaft. Mit Fakten, deren Wahrheit er so eindrücklich formulierte, ohne seine Stimme oder gar den Zeigefinger zu erheben, hielt der Chemiker seinem Publikum den Spiegel vor. Braungart steht über den Dingen und formuliert seine Thesen mit einer solchen Präzision, dass einem erst mal die Luft wegbleibt. Man wartet auf den Aufschrei der Zuhörenden, doch er erfolgt nicht, denn die ausgesprochenen Wahrheiten sitzen und wir alle sind ertappt: „Wenn wir zu viele Menschen sind, dann freuen wir uns ja fast unterschwellig, wenn so ein Flüchtlingsboot kentert - klar wir sind doch zu viele - und zudem haben diese Flüchtlinge die falsche Hautfarbe. Wenn sie weiß wären, hätten wir sie uns wahrscheinlich anders angeschaut. Das kann man jetzt in Polen sehen. Das ist nicht abzuwerten, aber Menschen können sich nicht moralisch verhalten, wenn sie unsicher sind, wenn sie Angst haben.“ INNOVATION Nachhaltigkeit besteht für Prof. Braungart darin, die Bedürfnisse der jetzigen Generation zu erfüllen, ohne der künftigen zu schaden. „Es geht darum nützlich zu sein, nicht weniger schädlich und deshalb lautet seine Maxime auch, „nicht vermeiden oder verzichten, sondern intelligent zu verschwenden.“ Jeder von uns kann das, behauptete Braungart, allein indem man die Raumtemperatur um zwei Grad senkt oder früher die Sitzheizung im Auto ausstellt. „Dafür braucht es keine Helden“. Auch sein Blick auf die Landwirtschaft spiegelte den hilflosen Aktionismus der Menschheit wider, denn „wir bauen Mais an, weil wir denken, das wäre gut für Biotreibstoffe. Gleichzeitig beziehen wir aus Lateinamerika Futtermittel, die auf Feldern angebaut werden, die der Fläche Frankreichs entspricht. Die ausgelaugten Böden dort sind danach so mineralstoffarm, dass nur noch eine Steppe mit gigantischen Auswirkungen für die Umwelt übrig bleibt. Etwas zu tun, ohne scheinheilig zu argumentieren und zu handeln, lautet deshalb die Devise Prof. Braungarts und er selbst lebt es vor: Seit zwei Jahren nutzen wir Gesichtsmasken, werfen sie weg, wo immer wir gehen und stehen, verschmutzen damit die Umwelt und die Meere. Mit seinen Studierenden gründete er deshalb eine Firma, in der FFP3-zertifizierte Masken entsprechend des Cradle-to-Cradle-Prinzips entwickelt werden. „In zwei Jahren hat dies kein anderer geschafft“. Und genau das ist einer der zentralen Aspekte von Cradle-to-Cradle: Dinge entwickeln, die während ihrer Anwendung verschleißen, wie zum Beispiel Schuhsohlen, Bremsbeläge oder Autoreifen. Wären alle Dinge so gestaltet, dass ihr Abrieb für biologische Kreisläufe geeignet ist und sie dadurch Nährstoffe für die Natur liefern, wäre dies eine Nachhaltigkeit ohne doppelten Boden. Übrigens auch Dinge, die wir in Form einer Dienstleistung nutzen, wie eine Waschmaschine, ein Fernseher oder ein Fenster wären davon nicht ausgenommen, gelängen sie nach ihrer Nutzung in die Technosphäre. Allerdings braucht echte Innovation Zeit. Von der Erfindung des Mobiltelefons bis zu dessen Verfügbarkeit vergingen 65 Jahre. Das Internet benötigte von der Idee bis zur Umsetzung 55 Jahre. „Dagegen liegen wir gut im Zeitplan“, zeigte sich Prof. Braungart im persönlichen Gespräch nach seinem Vortrag optimistisch. Es gibt heute weltweit über 11.000 Cradle-to-Cradle-Produkte. Wenn es so bleibt, wird noch vor 2050 alles Cradle-to-Cradle sein. Cornelia Schwarz

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